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Copyright: Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles KG / Jacqueline Godany
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Die grüne Kämpferin

04.02.2016

Freda Meissner-Blau hat in ihrem Leben viel gekämpft. Für Menschenrechte, Umwelt und „alles, was lebt“, wie ihr Sohn sagte. Im Dezember verstarb sie mit 88 Jahren.

Das Thema Umweltpolitik ist in Österreich eng mit einem Namen verbunden: Freda Meissner-Blau. Nicht nur als Vorreiterin der grünen Bewegung ist sie immer wieder für "die Natur, die Menschen, für alles, was lebt" auf dem Schlachtfeld gestanden. Im Dezember 2015 verstarb sie im Alter von 88 Jahren im Kreise ihrer Familie. Unvergessen wird jedoch vor allem ihr Erfolg rund um das Atomkraftwerk in Zwentendorf bleiben.

Erster Erfolg für die Umwelt

Als Meissner-Blau in den 1960iger Jahren in Frankreich für die Atomwirtschaft als Dolmetscherin arbeitete, erkannte sie nach eigenen Aussagen, wie hochexplosiv dieses Thema ist. Meissner-Blau fing an, Fragen zu stellen und obwohl sie erst Hoffnung in die Atomenergie setzte, wurde ihr die Gefahr schnell bewusst. Zurück in Österreich kam Meissner-Blau durch ihre Arbeit als Bildungsreferentin bei der OMV in Kontakt mit SPÖ-Politikern und trat schließlich der Partei bei. Nachdem am 4. April 1972 der Spatenstich für das Atomkraftwerk in Zwentendorf erfolgte, hieß es bereits, dass nichts mehr auszurichten sei. Trotzdem kämpfte Meissner-Blau gemeinsam mit umweltpolitischen Widerstandsbewegungen gegen die Eröffnung. Später erzählt sie in einem Interview mit dem Magazin freizeit: "Die Gruppe der Skeptiker wurde so mit der Zeit immer größer. Als dann der Marsch auf Zwentendorf kam, dachten wir, es würden 500 Leute teilnehmen. Schließlich waren es Zehntausende." In der Erwartung eines zustimmenden Ergebnisses beschloss der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky, das Volk über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf abstimmen zu lassen, doch der Schuss ging nach hinten los. Mit einem sensationell knappen Ergebnis von 50,47 Prozent konnte die Inbetriebnahme im Jahr 1978 gerade noch verhindert werden.

Rettet die Au

Nach diesem ersten Erfolg für die Ökologiebewegung Österreichs spielte Meissner-Blau im Jahr 1984 erneut eine tragende Rolle beim Kampf um die Umwelt. Geplant war damals, ein Wasserkraftwerk an der Donau nahe Hainburg zu errichten. Mithilfe der Medien konnten zahlreiche Umweltschützer das Interesse der Bevölkerung am Erhalt der Donauauen wecken. Es kam zu einem umstrittenen Polizeieinsatz in der Au und am selben Tag zu einer Großdemonstration von ungefähr 40.000 Menschenin Wien. Demokratiepolitisch stellt auch dieses Ereignis einen Meilenstein in der österreichischen Geschichte dar, weil erstmals ziviler Ungehorsam erfolgreich und öffentlichkeitswirksam in Erscheinung trat. Mittels Volksbegehren konnte auch dieses Projekt verhindert werden.

Bei Meissner-Blaus Trauerfeier, an der zahlreiche Politgranden teilnahmen, gab Bundespräsident Heinz Fischer zu, im Streit um die Hainburger Au auf der anderen Seite des Verhandlungstisches gesessen zu sein. Zum ORF sagte er: "Es wäre unfair, an dieser Stelle nicht hinzuzufügen, dass ich heute - und schon seit langer Zeit - froh bin, dass Zwentendorf nicht in Betrieb gegangen ist und das Donaukraftwerk bei Hainburg nicht gebaut wurde."

Für das friedliche Zusammenleben

Geboren im Jahr 1927 in Dresden, erlebte Meissner-Blau den Zweiten Weltkrieg mit. Ihr Vater Ferdinand Meißner schrieb als Journalist Artikel gegen das Nazi-Regime und musste nach Großbritannien flüchten. Nachdem Meissner-Blau die Bombardierung auf Dresden aus nächster Nähe miterlebte, beschloss sie, sich mit ganzer Kraft für das friedliche Zusammenleben der Menschen einzusetzen. Dieses Ziel setzte sie Jahre später mit ihrem damaligen Mann Georges de Pawloff bei einem dreijährigen Aufenthalt im afrikanischen Belgisch-Kongo unter Beweis, wo ein blutiger Kampf zwischen der Bevölkerung und der Kolonialherrschaft geführt wurde. Ihr späteres Engagement für die Dritte Welt wurzelt aus Erlebnissen in dieser Zeit. Aufgrund von politischen Meinungsverschiedenheiten zerbrach die Ehe mit Pawloff, und Meissner-Blau heiratete 1970 Peter Blau, welcher Chefredakteur der in Wien erscheinenden Arbeiter-Zeitung war.

Politische Karriere

Im Frühjahr 1986 trennte sich Meissner-Blau von der SPÖ und trat als Vertreterin der grünen Bewegung für das Amt der Bundespräsidentin an. Zwar kam es nur zu einem Achtungserfolg, mit 5,5 Prozent zwang sie die beiden Spitzenkandidaten zur Stichwahl, jedoch errangen die Grünen bei den Nationalratswahlen im selben Jahr mit Meissner-Blau als Spitzenkandidatin acht Mandate und konnten damit erstmals ins Parlament einziehen. Meissner-Blau wurde zur ersten Klubobfrau der österreichischen Geschichte. Ihre Politkarriere war jedoch nur von kurzer Dauer. Aufgrund von Streitigkeiten in der Partei warf sie schon nach zwei Jahren das Handtuch und hielt sich fortan mit öffentlichen Kommentaren zurück. Trotzdem musste sich der ehemalige Grünen-Parteichef Alexander Van der Bellen gefallen lassen, von Meissner-Blau der "Abkehr von urgrünen Themen" bezichtigt zu werden. Gemeinsam ist den beiden ehemaligen Grünen-Chefs allerdings ihre Leidenschaft für das Rauchen von Zigaretten.

Von ihrem Tod im Dezember zeigten sich viele Politiker tief betroffen. Grünen-Chefin Eva Glawischnig im Interview mit dem ORF: "Ihr Tod wird eine tiefe Lücke nicht nur in der Umweltbewegung, sondern auch in der österreichischen Gesellschaft hinterlassen."

Zur Person

Geboren: 11. März 1927 in Dresden
Verstorben: 22. Dezember 2015 in Wien
Ausbildung: Volksschule in Linz, Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe in Wien,
Gymnasium Reichenberg (1945 Kriegsmatura), Studien der Medizin (6 Semester), der Soziologie und Psychologie, Cambridge Certificate

Berufliche Meilensteine:
1961: Assistant International Development of the Social Sciences (Paris) und Journalistin und freie Mitarbeiterin bei der UNESCO (1961)
1968–1969: Dolmetscherin (Nobel-Bozel), Paris
1969–1972: Assistant International Social Science Council und Redakteurin bei der „Social Science Information“ bei der UNESCO

Politische Funktionen:
1986: Kandidatin bei der Bundespräsidentschaftswahl
1986–1988: Obfrau des Grünen Klubs

Quelle: www.parlament.gv.at/WWER/PAD_01130/24